Harry Martin ist seit vielen Jahren eine feste Größe in der WordPress- und Elementor-Community: Trainer, Berater und Mitorganisator des WordCamp Vienna. Was ihn auszeichnet, ist sein klarer Fokus auf Open Source und Community – die Technik ist für ihn Mittel zum Zweck, nicht der Selbstzweck. Statt schneller Hypes setzt er auf fundierte Grundlagen und Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Im Interview spricht Harry über seinen Weg zu WordPress, warum solides Basiswissen vor Elementor kommt, und wie Einsteiger und Profis unterschiedlich lernen. Er zeigt, wie Agenturen mit sauberen Prozessen, klaren Design-Entscheidungen und einem starken Editor verlässlich skalieren – und warum ein präziser, stabiler Page Builder wichtiger ist als Plattform-Beigaben. Außerdem teilt er seine Sicht auf Container vs. Layout-Blöcke, Qualitätsansprüche an Updates und die Rolle von Governance im WordPress-Projekt.
Nicht zuletzt geht es um Community-Kultur: Geben statt Gieren, Wissen frei teilen – etwa mit seinem Elementor‑Pro‑Skriptum – und gemeinsam bessere Ergebnisse erzielen. Ein Gespräch für alle, die Websites mit Klarheit, Kreativität und Charakter bauen wollen. Viel Spaß beim Lesen!
Harry, du bist seit vielen Jahren in der WordPress- und Elementor-Welt aktiv.
Wie bist du ursprünglich zu WordPress gekommen und was hat dich daran bis heute fasziniert?
Wie so viele habe ich WordPress irgendwann einfach ausprobiert – auch weil ich immer Open-Source Software für meine Problemlösungen bevorzuge. In die Community bin ich dann 2017 gestolpert. Damals war ich schon 20 Jahre selbständig. Es war (und ist) einfach notwendig, sich über den Austausch mit anderen über die Möglichkeiten und Risiken von WordPress zu unterhalten. Und genau das sind auch die Punkte bis heute: OpenSource und Community – die technischen Dinge stehen erst an der dritten Stelle.
Deine Trainings und Workshops sind in Österreich und darüber hinaus bekannt.
Welche Themen fragst du bei Agenturen und Freelancern am häufigsten ab?
Meiner Meinung nach wird eine gute Ausbildung stark unterschätzt – weil sie kurzfristig mehr kostet als bringt. Wenn man aber ein wenig darüber reflektiert, wie oft man WordPress und Elementor erklärt (neben den Kursen ist bei wirklich jedem Projekt irgendetwas zu erklären) bemerkt man, wo die Mängel sind. Es sind Bereiche im Webdesign (Grafische Einheiten, Breakpoints) und oft in den WordPress Grundlagen (Posttypen, Permalinks) wo Unklarheiten sind. Auch gibt es oft wenig Vorstellung davon, Welches Tool wofür einzusetzen ist. Es gibt so viele kleine, aber sehr geniale Tools – das Biotop zu kennen ist eine Voraussetzung, um darin erfolgreich zu überleben. Bei Kooperationen geht es zuerst um die „Chemie“ (kann und will ich mit der- oder demjenigen zusammenarbeiten) danach geht es um die „Skills“. Wenn das passt kann man über Projektaufteilung, Budget und Zeitpläne sprechen.
Elementor hat die Entwicklung vom Page Builder der Version 4. Begonnen.
Wie siehst du diese neue Version?
Elementor hat hier die Problemzonen der aktuellen Version gut erkannt und die ersten Einblicke sind vielversprechend. Für mich schaut das wie eine komplette Überarbeitung des Konzepts aus, womit die strukturelle Schwäche – die nicht mehr ganz zeitgemässe Verschachtelung der DIVs – behoben wird. Der Zugang die CSS-Klassen zugänglich zu machen, ist für Profis ein wichtiger Schritt. Ich kann mich noch gut an die Einführung der Container erinnern: ein Gamechanger. Bei der neuen Version erwarte ich mir noch größere Änderungen, das wird viel zu lernen sein und die Arbeitsweise verändern. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Entwicklung mit Blick auf die Rückwärtskompatibilität nicht einfach ist.
Viele Einsteiger kämpfen mit der Lernkurve.
Was ist deiner Erfahrung nach der wichtigste erste Schritt, um mit Elementor erfolgreich zu arbeiten?
Grundlagen lernen. Wenn du WordPress nicht kannst ist Elementor schwierig. In den letzten Jahren haben wir viele Kursformate ausprobiert und kommen eigentlich immer zum gleichen Ergebnis: zuerst WordPress verstehen in der Standard-Installation. Dort an die Limits kommen (was auch mit dem Blockeditor schnell passiert) und dann erst Elementor lernen. Erfolgreich mit Elementor heisst, den Theme-Builder und seine Möglichkeiten verstehen. Dazu muss man aber verstehen, was Templates wirklich sind – und das kann man erst, wenn man ein paar Stunden lang versucht hat ein Menü mit dem Navigations-Block zu gestalten … (ein hartes Beispiel, ich weiss.).
Du arbeitest mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen – von Einsteiger:innen bis zu Profis.
Wie unterscheidet sich dein Ansatz beim Training für diese Gruppen?
In der Geschwindigkeit. Bei den Einsteigern richte ich mich nach den Möglichkeiten der Gruppe, bei den Profis richtige ich mich nach den Notwendigkeiten des Projektes. Die Lernkurve bei den Einsteigern ist viel steiler, aber auch machmal ein wenig kürzer. Bei Profis geht es um ein Ergebnis in Form einer Website, und die muss passen. Die darf zumindest keine Kunden kosten, im besten Fall soll diese aber Kunden gewinnen. Wie das geht muss ein Profi wissen, ein Einsteiger nicht.
Immer wieder wird diskutiert: Open Source vs. Closed Source.
Welche Rolle spielt für dich persönlich und in deiner Arbeit die Open-Source-Philosophie von WordPress?
Meine Umgebung: ich arbeite an WordPress-Projekten, auf Apple-Geräten. Server laufen unter Debian. Also eine große Rolle: ich für mich, in meiner unmittelbaren Umgebung, unter meinen Fingern leiste ich mir den Luxus einer Closed Source Umgebung – die Integration von Hard- und Software ist für meine Bedürfnisse nirgends besser. Aber in dem Augenblick, wo es nach Aussen geht, ist es mir sehr wichtig, dass die Systeme offen sind und im besten Fall keiner primären Gewinnabsicht unterliegen. Das ist gesünder für die Welt und alle, die darin leben.
Gerade für Agenturen sind Prozesse entscheidend.
Welche Best Practices empfiehlst du, wenn es darum geht, mit Elementor effizient zu skalieren?
Am Anfang Zeit lassen. Ich mag Figma im ersten Schritt wenn es um Gestaltungsfragen geht. Aber auch andere Tools (bis hin zu Bleistift und Papier) können passen. Meiner Meinung nach muss die Idee schon grob ausgearbeitet sein bevor man in Elementor einsteigt. Sonst läuft man Gefahr, dass man die Möglichkeiten von Elementor – und nicht die Designideen oder Wunschfunktionen – als Richtschnur bei der Entwicklung hat. Danach geht es nach Schema: zuerst die Einstellungen für die Typographie, dann Globale Schriften und Farben, dann Layout-Einstellungen. Ich bin ein Freund davon die größte Seite komplett auszuarbeiten und die auch in den notwendigen Responsive-Einstellungen so fertig wie möglich zu machen. Mit echten Inhalten, nicht nur Platzhaltern. Aus der baue ich dann die Design-Module, die dann auf den anderen Seiten mit anderen Inhalten angewendet werden.
Du hast hunderte Websites gesehen und begleitet.
Gibt es ein Beispielprojekt, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist – und warum?
Nein eigentlich nicht. Mein Lieblingsprojekt im Web ist und bleibt die Wikipedia – nicht wegen dem Design (wie auch!) sondern wegen allem anderen: sie steht für die Demokratisierung der Information und dient als Beispiel, was Sascha Lobo als „Neues Vertrauen“ bezeichnet hat. Wenn man so will ein Beispiel dafür, dass ein Website sinnvoll sein soll.
Die Community in Österreich, Deutschland und der Schweiz wächst stetig.
Welche Bedeutung hat für dich die Community-Arbeit und der Austausch mit anderen Creators?
Als Mitorganisator des WordCamp Vienna habe ich viele Jahre gerne meine Zeit in diese Arbeit gesteckt. Wir sind alle großartig darin, das Potential dieser Arbeit und dieses Austausches zu nutzen – aber oft sehr vorsichtig, uns einzubringen. Überraschung: Schenken macht noch mehr Freude als beschenkt zu werden. Was übrigens auch ein Grund war, um mein „Freebie“ – das Elementor Pro Skriptum – wirklich zu verschenken und nicht einmal E-Mailadressen dafür einzusammeln. Natürlich müssen wir alle von unserer Arbeit leben. Das kommt schon, wenn man nicht mit der Gier in den Augen auf jeden potentiellen Kunden zustürmt.
Wenn du nach vorne schaust: Welche Entwicklungen wünschst du dir für Elementor und WordPress in den nächsten fünf Jahren?
Ich glaube, dass wir alle, die in diesem Bereich arbeiten, mehr auf die User hören sollten. Manche Entwicklungen sehe ich ein wenig zu kopfgesteuert. Ich wünsche mir eine bessere Einbindung der Community in die Entwicklung. Traditionell ist das natürlich ein Spannungsfeld zwischen den Bereichen der (notwendigen) betrieblichen Optimierungen und den oft chaotischen und nicht genau definierten Vorstellungen der „Basis“ – aber das hat uns groß gemacht. Das sollten wir nicht vergessen, das wünsche ich mir.
Praktische Anleitungen für Elementor Pro