Kaum jemand mag Cookie-Banner, fast alle klicken sie reflexartig weg
Es ist ein merkwürdiger Status quo: Kaum jemand mag Cookie-Banner, fast alle klicken sie reflexartig weg – und dennoch dominieren sie seit Jahren das Web. Die Absicht dahinter war ehrenwert: Nutzer:innen sollten wirklich entscheiden können, welche Daten sie teilen. In der Praxis aber hat die „Einwilligungs-Industrie“ das Gegenteil bewirkt: Wir sind müde geworden, misstrauisch und vor allem genervt. Genau deshalb will die EU-Kommission die Regeln rund um Cookies und Einwilligungen nun überarbeiten. Laut einem aktuellen Bericht von Politico (“Europe’s cookie law messed up the internet. Brussels wants to fix it.” Link) steht eine Entrümpelung auf der Agenda: weniger Banner, mehr Klarheit, und perspektivisch Einstellungen, die nicht auf jeder einzelnen Website neu abgefragt werden müssen.
Ausgangspunkt war die ePrivacy-Richtlinie
Wie sind wir hier gelandet? Ausgangspunkt war die ePrivacy-Richtlinie, die Einwilligungen für nicht-essenzielle Cookies zur Norm gemacht hat. Was als Schutzmechanismus gedacht war, schlug in der Umsetzung oft in Ritualisierung um: Banner, Layer, Pop-ups – mal dezent, mal bildschirmfüllend, nicht selten manipulierend. Die Folge: Consent-Fatigue. Einwilligung hat an Bedeutung verloren, weil sie zur lästigen Hürde wurde. Das ist nicht nur ein UX-Problem, sondern untergräbt den Sinn der Einwilligung selbst: Wenn niemand mehr liest, was dort steht, ist die Entscheidung nicht wirklich informiert.
Brüssel scheint das erkannt zu haben. Diskutiert werden Ausnahmen für bestimmte, technisch oder statistisch notwendige Verarbeitungen und Modelle, in denen Nutzer:innen Präferenzen zentral festlegen – zum Beispiel im Browser oder Betriebssystem – und Websites diese Einstellungen respektieren. Das wäre ein echter Fortschritt: weniger Klicks, mehr Konsistenz, weniger Grauzonen. Und es würde die unproduktive Energie, die wir alle in Consent-Management stecken, in Bereiche lenken, die den Menschen wirklich helfen: Performance, Barrierefreiheit, gute Inhalte, klare Informationsarchitektur.
Komplexität in der Auslieferung kostet Ladezeit und Rechenleistung
Denn der Preis der Banner ist höher, als man auf den ersten Blick denkt. Jedes zusätzliche Skript, jeder Tag-Manager-Workaround, jede Komplexität in der Auslieferung kostet Ladezeit und Rechenleistung. Das spürt man in den Core Web Vitals, in Conversion-Raten und letztlich in der Zufriedenheit der Nutzer:innen. Dazu kommt der organisatorische Aufwand: Pflege von Vendor-Listen, Dokumentation, Protokollierung, kontinuierliche Kontrolle, ob neue Drittanbieter-Skripte nicht doch wieder ungefragt IDs setzen. Wer jemals mit einem größeren Consent-Setup gearbeitet hat, weiß wie fragil das ist. Ein neues Marketing-Pixel hier, ein Custom-Event dort – und schon ist der schöne Plan dahin.
Gleichzeitig gibt es heute gute Alternativen, die viele Einwilligungen überflüssig machen, ohne den Kernbedarf von Unternehmen zu ignorieren. Cookielose, datensparsame Analytics-Lösungen auf First-Party-Basis können Fragen beantworten, die wirklich zählen: Welche Inhalte werden genutzt? Wo brechen Nutzer:innen ab? Welche Kampagne bringt qualitativ passenden Traffic? Serverseitiges Tagging kann helfen, die Datenwege zu verkürzen und zu kontrollieren – solange man auf Profiling und Identifikatoren verzichtet, die eine Einwilligung erfordern. Für zahlreiche Websites – insbesondere Content-Seiten, Corporate-Auftritte, kleinere Shops – reicht dieser Werkzeugkasten vollkommen aus, um Entscheidungen datenbasiert zu treffen, ohne die Menschen mit Bannern zu überziehen.
Damit sind wir beim kontroversen, aber meines Erachtens pragmatischen Kern: Wenn sowieso fast alle wegklicken, warum bauen wir dann weiterhin hochkomplexe Consent-Layer, die niemand ernsthaft liest? Die ehrliche Antwort lautet: weil viele Setups noch immer Dienste nutzen, die eine Einwilligung voraussetzen. Wer allerdings konsequent auf Privacy by Design setzt, kann den Bedarf an Bannern stark reduzieren – teils sogar eliminieren. Das ist keine Einladung zur Grauzone, sondern ein Plädoyer für Klarheit: Alles, was wirklich notwendig ist, läuft ohne Tracking-IDs und Drittanbieter-Profiling; alles andere wird konsequent weggelassen oder so umgebaut, dass keine Einwilligung mehr erforderlich ist. Die gewonnenen Ressourcen investieren wir dort, wo sie messbar Nutzen stiften.
Rechtliche Nuancen, gerade in Deutschland
Natürlich gibt es rechtliche Nuancen, gerade in Deutschland. Die Unterscheidung zwischen „technisch notwendig“ und „nicht notwendig“ ist wichtig, und die Aufsichtsbehörden schauen – zu Recht – genau hin, ob Cookie-Banner irreführend sind oder „Ablehnen“ verstecken. Wer Marketing- oder Remarketing-Tools, Third-Party-Pixel oder umfassendes Profiling betreibt, kommt an einer klaren Einwilligung auch weiterhin nicht vorbei. Aber das bestätigt nur den Punkt: Die strategische Frage ist, ob wir diese Tools wirklich in der bisherigen Tiefe brauchen. Häufig lautet die Antwort: nein. Und dann ist der eleganteste Consent-Layer die Abwesenheit eines Layers – weil er nicht benötigt wird.
Aus Produktsicht ist der Nutzen dieser Verschlankung vielfältig. Weniger Skriptballast beschleunigt Seiten spürbar, gerade auf mobilen Geräten und in schwachen Netzen. Das verbessert nicht nur die Nutzererfahrung, sondern wirkt sich auf SEO und Conversion aus. Die Inhalte rücken wieder ins Zentrum, statt von Bannern und Schattenboxen verdrängt zu werden. Und intern entsteht eine Kultur der Datensparsamkeit: Events werden bewusster definiert, Metriken kritisch hinterfragt, Reporting auf das Wesentliche konzentriert. Wer das einmal konsequent durchzieht, vermisst die alte Tool-Landschaft erstaunlich wenig.
Browser- oder Systempräferenzen als verbindliche Signale
Bleibt die Frage, was die Politik liefern kann. Falls die EU-Kommission tatsächlich Browser- oder Systempräferenzen als verbindliche Signale etablieren hilft, wäre das ein echter Durchbruch. Ein einziges, nutzerkontrolliertes Setting – und Websites halten sich daran. Das reduziert den Klick-Zwang, stärkt Selbstbestimmung und führt Einwilligung dorthin zurück, wo sie hingehört: zu einer seltenen, bedeutungsvollen Entscheidung, nicht zu einem lästigen Reflex. Bis es so weit ist, liegt der Ball bei uns: Wir können schon heute so bauen, dass Banner zur Ausnahme werden, nicht zur Norm.
Mein Fazit ist deshalb bewusst zugespitzt, aber von der Praxis getragen: Wenn eh alle wegklicken, brauchen wir diese Banner in ihrer heutigen Form nicht. Zumindest nicht dort, wo wir mit datenschutzfreundlichen Architekturen auskommen. Die eigentliche Kunst der Webentwicklung zeigt sich anderswo: in durchdachten Interfaces, barrierefreier Umsetzung, blitzschnellen Ladezeiten, klaren Texten, starken Bildern und einer Informationsarchitektur, die Orientierung schenkt. Das sind die Stellschrauben, die Menschen wahrnehmen – und die Vertrauen schaffen, ohne dass eine Einwilligungsschicht den ersten Eindruck trübt.
Wie seht ihr das?
Wie seht ihr das? Habt ihr Projekte, in denen ihr durch cookielose Analytics oder First-Party-Ansätze Banner reduzieren oder ganz weglassen konntet? Welche Erfahrungen habt ihr mit der Performance und Conversion gemacht, wenn der Consent-Layer wegfällt? Und welche Tools funktionieren für euch im deutschsprachigen Raum besonders gut, ohne rechtlich auf wackligem Boden zu stehen? Ich bin überzeugt: Je mehr wir diese Erfahrungen teilen, desto schneller kommen wir zu einem Web, das Privatsphäre nicht nur verspricht, sondern spürbar lebt – und wieder das in den Mittelpunkt stellt, worum es eigentlich geht: Inhalte, Produkte, Menschen.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung. Die rechtliche Bewertung kann je nach Tool-Setup, Auslegung der Behörden und nationalen Besonderheiten variieren. Wer nicht-essenzielle Cookies oder Tracking-Technologien einsetzen will, braucht in der Regel eine wirksame, informierte Einwilligung – klar, fair und ohne Dark Patterns. Wer darauf verzichtet, kann Banner oft vereinfachen oder einsparen. Genau dort liegt der Hebel, bis Brüssel die Regeln tatsächlich vereinfacht.
Quelle: Politico – “Europe’s cookie law messed up the internet. Brussels wants to fix it.” https://www.politico.eu/article/europe-cookie-law-messed-up-the-internet-brussels-sets-out-to-fix-it/